Die neue europäische Waldstrategie: Chance oder Bürokratiemonster?

Die EU-Kommission hat eine neue Waldstrategie entworfen. Kritiker befürchten massive Einschränkungen und Einkommenseinbußen. Lesen Sie hier, was tatsächlich auf Waldbesitzer zukommt.

Die EU erkennt Wälder als wichtige Verbündete im Kampf gegen den Klimawandel und den Verlust der biologischen Vielfalt an. Wälder dienen unter anderem als Kohlenstoffsenken und federn die Auswirkungen des Klimawandels ab, beispielsweise durch Schutz vor schweren Überschwemmungen. Als wertvolle Ökosysteme beherbergen sie auch einen großen Teil der biologischen Vielfalt und liefern wertvolle Ökosystemdienstleistungen. Die neue EU-Waldstrategie für 2030 (EUW) ist eine der Leitinitiativen des europäischen Grünen Deals. Sie soll dazu beitragen, die Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 % zu senken und bis 2050 klimaneutral zu sein, sowie den Abbau der Emissionen durch natürliche Senken zu steigern. Die EUW zielt darauf ab, Europas Wälder an neue Bedingungen, Wetterextreme und die große Unsicherheit infolge des Klimawandels anzupassen. Dies ist eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass Wälder weiterhin in der Lage sind, ihre sozioökonomischen Funktionen zu erfüllen und dynamische ländliche Gebiete und florierende ländliche Gemeinschaften zu gewährleisten. Dabei sollen auch biodiversitäts- und klimafreundliche Waldbewirtschaftungsmethoden gefördert werden.

Kommen mit der neuen EUW Bewirtschaftungsverbote?

In der Strategie wird die Notwendigkeit und das Engagement bekräftigt, die letzten verbleibenden Primär- und Altwälder in der EU umfassend zu schützen. Allerdings ist der Kommission bewusst, dass dies nur auf einen sehr kleinen Teil der europäischen Wälder zutrifft, wovon die meisten ohnehin schon in Schutzgebieten liegen. Mit der neuen EUW sind daher keine neuen Bewirtschaftungsverbote oder Außernutzungstellen zu befürchten.

Werden Ökosystemdienstleistungen endlich vergütet?

Eine alte Forderung der Forstverbände soll endlich umgesetzt werden: nämlich die Ökosystemdienstleistungen die Wälder erbringen zu entlohnen. Konkret spricht die Kommission davon, für Waldbesitzer Zahlungsregelungen zu entwickeln. Außerdem werden die Mitgliedsstaaten aufgefordert im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik Förderungen zu entwerfen, um Kosten und Einkommensverluste zu decken. Diese Regelung ist deshalb bedeutend, weil auf manchen Standorten eine kostendeckende Forstwirtschaft nicht mehr möglich sein wird, der Wald aber trotzdem als Standortsschutz erhalten und gepflegt werden muss. Mit der neuen EUW sollen somit die Bemühungen der Waldbesitzer belohnt werden.

Die EU will eine aktive Waldbewirtschaftung die Ökosystemdienstleistungen hervorbringt finanziell belohnen.

In welchem Zustand sind die Wälder in der EU?

Derzeit sind 43,5 % der Fläche der EU (knapp 182 Millionen Hektar) von Wäldern und anderen bewaldeten Flächen bedeckt. Die Waldfläche hat sich in den letzten Jahrzehnten durch natürliche Prozesse, Aufforstung, nachhaltige Bewirtschaftung und aktive Wiederherstellung vergrößert. Parallel dazu hat sich jedoch der Erhaltungszustand der Wälder verschlechtert. Große Waldgebiete in der EU waren in den letzten Jahren von beispiellosem Borkenkäferbefall, schweren Dürren und neuen Verlaufsformen bei Waldbränden betroffen. Daher sieht es die Kommission als dringend erforderlich, negative Trends umzukehren und neue Verfahren der Waldbewirtschaftung und der  Aufforstung einzuführen, mit denen die Widerstandsfähigkeit der Wälder gestärkt und sie an den Klimawandel angepasst werden.

Wird die Strategie die Holzernte in der EU verringern?

Sowohl Vertreter der Forstwirtschaft aber auch der Holzindustrie befürchten starke Einkommenseinbußen im Zuge der neuen EUW. Die Kommission stellt aber fest, das es Ziel der Strategie sei, dass die EU-Wälder in den kommenden Jahrzehnten wachsen und gesund und widerstandsfähig sind. Mit der Strategie soll sichergestellt werden, dass Holz im Einklang mit der Kaskadennutzung verwendet wird, wonach die Holzernte innerhalb der Nachhaltigkeitsgrenzen bleibt. Weiters heißt es, das Holz aufgrund der Klimaziele keine unbegrenzte Ressource ist und die Mitgliedsstaaten dies berücksichtigen müssen. Eine klare Aufforderung an die Mitgliedsstaaten die Holzernte zu reduzieren lässt sich aus der EUW nicht ableiten. Dies würde auch dem Ziel der Kommission widersprechen den Holzanteil im Bausektor zu erhöhen.

Wo sollen zusätzliche 3 Milliarden Bäume gepflanzt werden?

Im Zuge der EUW will die Kommission aufforsten: rund 3 Milliarden neue Bäume sollen im EU-Gebiet zusätzlich gepflanzt werden. Das entspricht etwa 1 Million ha Fläche (bei einer Gesamtfläche von 450 Millionen ha). Die Kommission hält aber fest, dass ein Teil dieser Bäume in Städten gepflanzt werden soll um so eine Stadtbegrünung zu forcieren. Die Anpflanzung und das Wachstum zusätzlicher Bäume sollen unter uneingeschränkter Achtung der ökologischen Grundsätze erfolgen und die biologische Vielfalt begünstigen. Das bedeutet, dass in Wäldern, in Agrarlandschaften und in städtischen Gebieten der richtige Baum am richtigen Ort und für den richtigen Zweck gepflanzt werden muss. Dabei will die Kommission Hilfestellung leisten und motivieren. Einzelpersonen, Verbände, Unternehmen und öffentliche Einrichtungen wie Städte und Regionen werden ermutigt, sich an der Initiative zu beteiligen. Zur Finanzierung der Aufforstungen sollen Mittel bereitgestellt werden. Eine erzwungene Umwidmung von Agrarflächen in Wald entgegen des Willens von Landwirten ist definitiv nicht vorgesehen.

Die EU will ökologisch besonders wertvolle Wälder schützen. Großflächige Außernutzstellungen sind aber nicht vorgesehen.

Wie wird die Strategie Forstleute und Waldbesitzerinnen unterstützen?

Waldbesitzer brauchen finanzielle Anreize, um Ökosystemdienstleistungen erbringen zu können und die Widerstandsfähigkeit ihrer Wälder durch angepasste Waldbewirtschaftungsmethoden zu erhöhen. Besonders wichtig ist dies in Teilen Europas, die früher und stärker als erwartet vom Klimawandel betroffen waren, und in denen die ländlichen Gebiete aufgrund von Naturkatastrophen in Wäldern Existenzgrundlagen eingebüßt haben und Einkommensverluste oder sogar Todesfälle zu beklagen waren. Die Kommission fordert daher die Mitgliedsstaaten auf im Rahmen der GAP Zahlungsregelungen für Ökosystemdienstleistungen einzuführen und durch dieses und andere öffentliche Instrumente die Einführung von Methoden der klimaeffizienten Waldwirtschaft zu beschleunigen.

Fazit

Die neue europäische Waldstrategie zeigt, dass die Kommission die Zeichen der Zeit erkannt haben dürfte. Denn zumindest die nationalen Regierungen haben den Wald als wertvollen Verbündeten im Kampf gegen den Klimawandel bisher ignoriert. Die Kommission hat den Wert des Waldes erkannt und will ihn für eine klimaneutrale EU nutzen und fördern. Besonders löblich ist, dass dabei auch Waldbesitzer und Forstleute motiviert und gefördert werden sollen: Endlich gibt es die politische Absicht die Ökosystemdienstleistungen der Wälder zu vergüten. Auch wenn sich die EU-Kommission für eine biodiversitätsfördernde Waldbewirtschaftung ausspricht, weder Bewirtschaftungsverbote noch Außernutzungsstellungen lassen sich aus der Strategie herauslesen. Aus Sicht der Waldbesitzer kann man daher nur sagen: Neue Europäische Waldstrategie: Ja bitte.

Weiterführende Links:

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