Gegenspieler der Borkenkäfer

Ein einzelner Ameisenbuntkäfer vertilgt bis zu 3 Borkenkäfer am Tag. Foto: Scott Bauer/bugwood.org

Borkenkäfer haben als Schadinsekten stark an Bedeutung gewonnen, allen voran der Buchdrucker (Ips typographus). Trockene Sommer mit hohen Temperaturen wirken sich positiv auf die Entwicklung der Schadinsekten aus. Es ist davon auszugehen, dass die Sommermonate zukünftig noch heißer und trockener werden und somit die Borkenkäferpopulationen weiter ansteigen. Der Waldbesitzer ist aber nicht allein im Kampf gegen Kupferstecher und Co. In Ameisenbuntkäfern, Kamelhalsfliegen, Dreizehenspecht und anderen Arten findet er Alliierte.

Der wohl bekannteste Gegenspieler des Borkenkäfers ist der Ameisenbuntkäfer (Thanasimus formicarius). Wegen seiner auffälligen Zeichnung ist er leicht zu bestimmen. Der bunte Käfer ist eine Allzweckwaffe: rund 20 Borkenkäferarten werden von ihm verzehrt. Die Jagd nach den Schadinsekten beginnt der Ameisenbuntkäfer bereits als Larve. Eine einzige Larve vertilgt am Tag mehrere Borkenkäfer. Bis zu 20 % einer Borkenkäferpopulation fallen den Ameisenbuntkäfern zum Opfer. Als Lebensraum begehrt sind stehende Stämme, aber auch in liegenden Stämmen wird nach Beute gesucht. Als besonders nützlich haben sich die Ameisen-Buntkäfer nach großen Wind- und Schneebrüchen in Fichtenreinbeständen erwiesen. Von den Niederungen bis in die Gebirge findet man den Ameisenbuntkäfer. Er kommt nicht nur in Fichtenreinbeständen vor, sondern auch in Laubwäldern, in denen einzelne Fichten stocken. Sein massenhaftes Auftreten fällt mit den Schwärmzeiten der Borkenkäfer zusammen. Somit ist der Ameisenbuntkäfer nicht nur ein Gegenspieler der Borkenkäfer, er ist auch ein Indiz für ihr Vorkommen.

Laufkäfer sind räuberische Insekten mit großem Appetit: pro Tag wird das Dreifache des Eigengewichts verzehrt. Einige Vertreter dieser sehr artenreichen Familie sind die wichtigsten Gegenspieler der Borkenkäfer. Sie sind allerdings nicht sehr bekannt, da sie meist sehr klein sind und verborgen leben. Ihrer Beute, den Borkenkäfern, stellen sie unter der Baumrinde nach, auch in den von Borkenkäfern angelegten Gangsystemen. Laufkäfer wie der Echte Schulterläufer  (Pterostichus oblongopunctatus) sind besonders effizient bei der Bekämpfung. Im Gegensatz zu anderen Freßfeinden befinden sich die Grablaufkäfer schon in den Bäumen, wenn diese von Borkenkäfern besiedelt werden. Der Flachkäfer (Nemosoma elongatum) gehört zur kleinen Familie der Jagdkäfer, über die nur wenig bekannt ist. Vom Flachkäfer weiß man jedenfalls, dass er ein Nützling ist. Sowohl die Larven als auch die ausgewachsenen Käfer leben unter der Rinde und ernähren sich von Borkenkäferlarven.

Der Echte Schulterläufer gehört zu den Laufkäfern. Foto: Helmuth Wurzinger/AustriaForum.org

Bei Kamelhalsfliegen schaut man beim ersten Anblick genauer hin. Durch ihren eigentümlichen Körperbau stechen sie ins Auge des Betrachters. Die zarten Insekten sind weder Fliegen noch gehören sie zu den Käfern, sondern sind Mitglieder der Ordnung der Netzflüglerartigen. Der herzförmige Kopf, der durch den verlängerten Hals sehr weit nach vorne reicht, wird stets schräg aufwärts getragen. Er ist sehr beweglich und mit scharfen Kiefern bewaffnet. Kamelhalsfliegen sind oft sehr zahlreich in den Brutsystemen von Borkenkäfern anzutreffen, wo sie sich von deren Eiern und Larven ernähren.

Kamelhalsfliegen sind oft an Brutorten von Borkenkäfern zu finden. Sie ernähren sich von Eiern und Larven.

Gefiederte Freunde

Mit ihren spitzen Schnäbeln picken Spechte Insekten aus der Rinde. Auch Borkenkäfer stehen dabei auf dem Speisezettel. Für ihre spezielle Ernährungsweise sind die Spechte gut gerüstet: Mit dem harten Meiselschnabel kann Holz aufgespalten werden, um so an Borkenkäfer und andere Insekten zu gelangen. Die starke Halsmuskulatur sorgt für genug Kraft um das Holz zu bearbeiten. Und die krallenbewehrten Kletterzehen ermöglichen es den Spechten sich an der Baumrinde festzuhalten.

Vor allem der Dreizehenspecht (Picoides tridactylus) ist der Borkenkäferspezialist unter den Vögeln. In Mitteleuropa ist der kleine Specht hauptsächlich in den Alpen zu finden. Sein typischer Lebensraum sind ausgedehnte Bergwälder, die von Fichte und Kiefer dominiert werden. Aber auch der Schwarzspecht (Dryocopus martius), der größte heimische Vertreter unter den Spechten, macht Jagd auf die kleinen Schadinsekten. Wie der Dreizehenspecht bevorzugt der Schwarzspecht große Nadelwälder in Gebirgsregionen. Neben Insekten verzehrt er auch gerne Ameisen. In befallene Stämme schlägt er große Löcher. Der Schwarzspecht ist nur selten zu beobachten: er ist nicht nur sehr scheu, sondern benötigt auch große Reviere. Bis zu 400 ha beansprucht ein einzelner Schwarzspecht für sich.

Der Dreizehenspecht ist der wichtigste Gegenspieler unter den Spechtartigen.

Aus der Luft droht den Borkenkäfern noch eine andere Gefahr: Sowohl Brack- als auch Erzwespen gehören zu den wichtigsten Gegenspielern der Borkenkäfer. Die Larven von Brack- und Erzwespen gehören zu den Parasitoiden. Im Gegensatz zu echten Parasiten töten Parasitoiden ihre Wirte. Die relativ kleinen Schmarotzer leben am oder im Körper des Wirtes, der fortschreitend geschwächt wird und schließlich abstirbt. Die Weibchen der Brack- und Erzwespen besitzen einen Legebohrer, der mit einer Giftdrüse verbunden ist. Zunächst wird der Wirtsorganismus durch Einstechen des Legebohrers gelähmt. Danach legt das Weibchen seine Eier auf dem Wirt ab. Die schlüpfenden Larven ernähren sich saugend von der Körperflüssigkeit er vergifteten Wirte. Vornehmlich werden Larven als Wirt genutzt, einige Wespenarten nutzen aber auch ausgewachsene Borkenkäfer. Dabei wird das Ei in den Körper des Käfers gelegt.

Bis zu 50 % einer Borkenkäferbrut kann von Wespenlarven befallen werden. Im Gegensatz zu anderen Arten sind die Wespen in der Lage, im Falle einer Massenvermehrung ihre Populationen ebenfalls rasch anwachsen zu lassen. Durch ihre enorme Vermehrungsrate sind sie daher in der Lage rasch regulierend einzugreifen.

Bakterien und Pilze

Bakterien befallen auch Borkenkäfer. Speziell im Zuge einer Massenvermehrung erkranken Borkenkäfer an verschiedenen Bakterien. Sie werden über die Nahrung aufgenommen und infizieren den Verdauungstrakt. Mit fortschreitender Infektion verwandelt sich der Körperinhalt in einen verfaulenden Brei. Die Bakterien tragen damit zum Zusammenbruch einer stark gewachsenen Population bei.

Auch Pilze besiedeln Borkenkäfer, und zwar sowohl Larven als auch ausgewachsene Käfer. In Infektion erfolgt vorwiegend über die Haut. Danach breitet sich der Pilz am ganzen Körper aus. Der Pilz wächst dabei sehr rasch, innerhalb weniger Tage ist der ganze Borkenkäfer vom Pilz überwuchtet, was zum Tod führt. Damit sich Pilze optimal entwickeln können, und somit einen regulierenden Effekt auf Borkenkäferpopulationen haben, muss die Lufttemperatur mindestens 25 Grad betragen und die Luftfeuchtigkeit bei über 90 %. Dabei kann die Sterblichkeit der Borkenkäfer bis zu 100 % betragen.

Einfluss auf die Massenvermehrung

Angesichts der Armada an Feinden und Krankheiten stellt sich die Frage, wie es überhaupt zur Massenvermehrung von Borkenkäfern kommen kann. Aber die Anwesenheit von Fressfeinden und Krankheitserregern sind Faktoren, die kaum entscheidend sind für die Entwicklung einer Population. Wichtiger sind die Verfügbarkeit von Nahrung sowie die Witterung. Eine Massenvermehrung wird nicht durch die Abwesenheit von Fressfeinden oder Krankheiten ausgelöst, sondern durch das vorhandene Nahrungsangebot. Borkenkäfer sind dann in der Lage, ihre Populationen in kurzer Zeit (Link) rasch wachsen zu lassen und das vorhandene Substrat zu nutzen. In günstigen Jahren können sich bis zu drei Generationen entwickeln und die Population um das Tausendfache ansteigen.

Fressfeinde können nur bedingt auf die rasche Vermehrung reagieren. Laufkäfer, Ameisenbuntkäfer und Spechte können ihre Populationen nicht so rasch anwachsen lassen wie Borkenkäfer. Dazu sind  aber Brack- und Erzwespen durchaus in der Lage. Trotzdem hat die Borkenkäferpopulation einen zeitlichen Vorsprung. Und während des Zeitraums, bis die Zahl von Fressfeinden angewachsen ist, können die zahlreichen Borkenkäfer erhebliche Schäden im Wald anrichten. Bakterien und Pilze sind sehr effektiv bei der Bekämpfung von Borkenkäfern, doch treten sie erst auf wenn die Borkenkäferpopulation einen gewisse Größe erreicht hat und genügend Käfer vorhanden sind, um die Krankheiten weiterzuverbreiten.

Die Gegenspieler der Borkenkäfer können also eine Massenvermehrung nicht aufhalten. Sie sind aber trotzdem enorm wichtig, da sie dafür verantwortlich sind, das am Höhepunkt der Massenvermehrung die Population wieder zusammenbricht. Daher sind soweit es möglich ist, Nützling im Zuge der Waldbewirtschaftung zu fördern, wie etwa durch das Belassen von Totholz und alten Bäumen.