Baumartenwahl

Die Wahl der richtigen Baumart muss gut überlegt sein. Foto: BMNT/Alexander Haiden

Die Baumartenwahl ist eine der wichtigsten Entscheidungen des Waldbesitzers. Obwohl es eine Reihe von praxistauglichen Ratgebern gibt, werden diese Hilfestellungen aber nur allzu oft ignoriert und es wird zur Fichte gegriffen, alibimäßig „mischt“ man zu dieser dann eine Laubbaumart, von der man erwartet, dass sie wertvolles Holz ausbildet wie die Traubenkirsche oder die Walnuss. Blickt man in diverse Internetforen, bekommt man das Gefühl, dass die Baumartenwahl dem Kuchenbacken ähnelt und der Waldbesitzer diverse Leckereien pflanzen kann. Da wird als Grundlage natürlich etwas Fichte genommen und vermischt mit Kirschen, Eschen, auch vom Speierling hat man nur das Beste gehört, und die Lärche erzielt auch immer gute Preise: Fertig ist die Baumartenwahl.

Ganz wichtig ist auch, das richtige Rezept zusammenzustellen, also die Frage, wieviel Zehntelanteile die jeweilige Baumart bekommen soll. Selbst auf forstlichen Fakultäten wurde lange Zeit gelehrt, dass die ideale Mischung darin läge „so viele ökonomische Baumarten wie möglich und so viele ökologische Baumarten wie nötig“ in den Bestand zu bringen. Doch was ist eine ökonomische Baumart? Die Fichte zweifellos, aber warum sollen Birke, Hainbuche oder Linde keine ökonomische Baumart sein – auch sie produzieren Holz, das verkauft werden kann – oder den Eigenbedarf an Energie decken kann. Und wenn es ökologische Baumarten gibt, was bitte sind dann unökologische? Sind das etwa Baumarten, die einen so negativen Einfluss auf den Standort haben, dass die Standortsgüte darunter leidet?

Hat man sich dann schließlich als Waldbesitzer entschlossen, welchen ökologischen und ökonomischen Baumarten man sein Vertrauen schenkt, geht es um die Verteilung. Die ökonomischen bekommen natürlich den größten Anteil. Die klassische Formel lautet beim Fichten-Tannen-Buchenwald 50 % Fichte, 25 % Tanne und 25 % Buche. Die Fichte ist da – wie soll es auch sonst sein – die Brotbaumart, die ökonomischste überhaupt, da sie leicht vermarktbar ist. Die Tanne wiederum ist ein Mittelding zwischen ökologischer und ökonomischer Baumart: Einerseits ist sie wüchsiger als die Fichte, gleichzeitig ist ihr Holz aber weniger wert, außerdem sorgt sie auch für Stabilität mit ihrem kräftigen Wurzelwerk. Die Buche schließlich ist als ökologische Baumart geduldet: Mit ihrer Laubstreu soll sie den Bodenzustand verbessern. Wie wir schon gehört haben, sind Nadeln für das Bodenleben schwerer zersetzbar als Blätter. Dummerweise ist die Wahl der Buche für diesen Zweck aber äußerst unglücklich: Denn von allen Laubbaumarten hat die Buche mit ihren ledrigen Blättern eine relativ unattraktive Streu. Vielleicht sollte man die 25% Buche doch lieber mit 10 % Esche und 15 % Bergahorn ersetzen?

Wer immer sich solche Rezepte für die Bestandsbegründung ausgedacht hat, hat wohl nicht weitergedacht, wie sich ein Bestand entwickelt – und dass in 100 Jahren Umtriebszeit viel passieren kann. Denn eine Mischung von 50:25:25 wie im oben genannten Beispiel ist gar nicht so leicht zu erhalten. Bis zum Stangenholzstadium sterben über 80 % der Jungbäume durch die natürliche Konkurrenz ab – wer kann wissen, ob dann wirklich noch 40 % Fichten und 30 % Buchen vorhanden sind. Und was passiert, wenn die Buchen so schlechte Qualitäten aufweisen, dass bei den Durchforstungen die meisten von ihnen ausscheiden – soll man dann Fichten und Tannen ebenfalls reduzieren, damit die Mischung wieder stimmt? Oder man stelle sich vor, die Tannen erweisen sich wesentlich wüchsiger als die Fichte und haben deshalb eine viel höhere Stammzahl: Opfert man dann wüchsige Tannen für schlecht wachsende Fichten?

Daher: Baumartenvielfalt ja, fixe Bestandsanteile für verschiedene Baumarten, die sowieso nur in der Theorie zu erreichen sind: nein. Der Mischwald orientiert sich am Naturwald. Doch die Natur hat kein Rezept, wie viele Baumarten in welcher Anzahl wachsen. Vielmehr herrscht der Zufall: Eine Lücke, die durch einen umgefallenen Baum entsteht, wird von Keimlingen des Bergahorn besiedelt, und zwar deshalb, weil im letzten Jahr der Bergahorn besonders viele Samen ausgebildet hat. Die Lücke im Buchenwald wird überraschenderweise von Tannenkeimlingen erobert: Denn im letzten Herbst gab es eine starke Population von Waldmäusen, die den Großteil der Bucheckern verzehrt haben, und was die Mäuse übrig ließen, haben sich die Wildschweine geholt. Das Ökosystem Wald mit all seinen Lebensformen und Prozessen ist viel zu komplex, als dass man es mit einer Formel von Baumarten simplifizieren könnte.

Auch bei der Wahl der Baumarten muss sich der Waldbesitzer an der Natur orientieren und die natürlichen Waldgesellschaften als Leitbild heranziehen. Natürlich sind die Grenzen zwischen verschiedenen Waldgesellschaften nicht immer ganz scharf zu ziehen: Im Übergangsbereich von Eichenwäldern zu buchendominierten Gesellschaften wird es immer Standorte geben, in denen die Eichen mehr dominieren, da es sich um einen warmen Südhang handelt, ebenso wie auf dunklen Nordhängen die weniger lichtbedürftigen Buchen die Oberhand haben werden. Der Waldbesitzer muss auch nicht zum Vegetationskundler werden, aber die gewählten Baumarten sollen Bestandteil der natürlichen Waldgesellschaft sein.

Bei den Baumartenanteilen kann der Waldbesitzer durchaus auch ein wenig experimentieren: Wer in den Tieflagen der Traubenkirsche sein Vertrauen schenken will, der soll diese pflanzen, säen (oder die Naturverjüngung nutzen) und mit Eiche, Hainbuche und Linde mischen. Bei der weiteren Bestandsentwicklung heißt es aber, aufmerksam zu bleiben und zu beobachten: Bleibt die Kirsche stark im Wachstum hinter Eiche und Linde zurück, dann dürfte der Standort nicht ideal sein für die Kirsche. Natürlich kann man jetzt die Kirschen freistellen und die bedrängenden Eichen und Linden entfernen: Aber macht es Sinn, eine Baumart zu fördern, die weniger wüchsig ist als die anderen?

Die Bewirtschaftung von Mischwäldern bedeutet auch den Stopp von der Anwendung von Schemata. Nicht auf Bestandsebene wird entschieden, sondern auf Baumebene: Jeder Baum wird während der Umtriebszeit immer wieder angesprochen und geprüft. Auf seine Stellung im Bestand, auf seine Holzqualität, auf seine Vitalität, sprich, auf die alles entscheidende Frage: Verbleibt dieser Baum im Bestand, oder wird er bei der nächsten Durchforstung entnommen?