Tanne

Vor allem der starke Wildverbiss hat die Tanne zu einer seltenen Baumart in Mitteleuropa werden lassen.

Die Tanne ist eine verschmähte Hauptbaumart. Ihre aktuelle Verbreitung im Wirtschaftswald ist deutlich niedriger als ihr natürliches Verbreitungsgebiet. Die Tanne ist eine Baumart des Mittelgebirges und hat ihren optimalen Standort zwischen Buchen- und Fichtenwäldern. Mit beiden Baumarten vermischt sie sich auch und ist auch in der Lage, mit den beiden Arten zu konkurrieren. Tannenbestände sind hochproduktiv. Die Tanne ist allerdings sehr anspruchsvoll, was den Wasserhaushalt angeht: Ideale Tannenstandorte haben einen jährlichen Niederschlag von mindestens 1.000 mm. Der Anbau auf trockenen Standorten kommt daher nicht in Frage. Bei guter Wasserversorgung ist sie tolerant gegenüber den Nährstoffverhältnissen. Obwohl sie eine Gebirgsbaumart ist, ist sie extrem empfindlich gegenüber Spätfrösten. Mit ihren kräftigen Tiefwurzeln erschließt sie auch pseudovergleyte Böden und ist daher eine sehr stabile Baumart. Die Tanne sollte nicht im Reinbestand begründet werden, sondern in Mischung mit Fichte und Buche. Bei der Verjüngung muss sie vor Verbiss geschützt werden, auf den sie sehr empfindlich reagiert. Die hohe Wilddichte ist mitunter ein Grund für den aktuell geringen Anteil der Tanne in den mitteleuropäischen Wäldern. Der andere Grund ist ihre schlechte Vermarktbarkeit am Holzmarkt. Aufgrund ihrer Produktivität und Stabilität sollten die Waldbesitzer aber zukünftig mehr Mut zur Tanne haben, auch, weil sie sich als ideale Mischbaumart in Fichtenmonokulturen eignet.

Die Vorteile der Tanne sind die hohe Wurzelintensität, die reichliche Naturverjüngung, der große, langanhaltende Zuwachs sowie die Fähigkeit, sich unter Schirm reichlich zu verjüngen. Die Tanne wächst im Schatten des Altbestandes auf und kann nach langer Überschirmung in die Oberschicht einwachsen. Damit stellt sie eine wertvolle Verbindung zwischen den Waldgenerationen dar und ermöglicht einen flexiblen und naturnahen Waldbau. Auf Grund dieser Eigenschaften ist sie die Plenterwaldbaumart schlechthin. In den Bergwäldern eignet sich die Tanne auch als Schutzwaldart. Im Alpenraum ist es über viele Jahrzehnte nicht gelungen, ausreichend Tannen nachzuziehen. Daher fehlen sie oft gerade in den mittelalten Beständen, während es vielerorts noch zahlreiche Altbestände mit höheren Tannenanteilen gibt. Auch heute bestehen trotz einer zunehmenden Zahl positiver Beispiele immer noch Defizite bei der Verjüngung der Tanne im Bergwald. Nach den derzeitigen Klimaprognosen bleiben die Bedingungen für die Tanne insgesamt noch günstig.

Die Tanne verfügt über ein enormes Naturverjüngungspotential. Dieses kostenlose Angebot der Natur gilt es zu nutzen, wo immer möglich, auch bei höherem Klimarisiko. Naturverjüngungen verfügen auf Grund ihrer hohen Ausgangspflanzenzahlen über eine große genetische Vielfalt. Sie bietet dem daraus erwachsenden Bestand größere Chancen, sich an die verändernden Umweltbedingungen anzupassen. Die aus vielfältigen Gründen erwünschte Erhöhung des Tannenanteils kann jedoch nur unter zwei Voraussetzungen gelingen, zum einen einer naturnahen Waldbewirtschaftung und zum anderen angepasster Wildbestände. Tannengerechter Waldbau verlangt lange Verjüngungszeiträume, zurückhaltende Eingriffe vor allem zu Beginn der Verjüngungsphase und gestuften Waldaufbau in Mischung mit Buche und anderen Baumarten. Die Tanne eignet sich nicht für kurze Umtriebszeiten oder Kahlschlagwirtschaft. Angepasste Wildbestände sind zwingend notwendig, um eine natürliche Verjüngung der Tanne im Wesentlichen ohne Schutzmaßnahmen zu ermöglichen. Die Tanne ist keine Ersatzbaumart für die Fichte in Tieflagen, wohl aber in den montanen Regionen, in denen ihr aktueller Anteil weit unter ihrem tatsächlichen standörtlichen Potential liegt. Letzten Endes spricht auch ihre Wuchsleistung dafür.