Biodiversität im Wald

Beim naturnahen Waldbau ist der Wald nicht nur Holzproduzent sondern auch Lebensraum. Foto: TCreativeMedia/shutterstoc.

Die Biodiversität ist mittlerweile in aller Munde. War sie vor einigen Jahren noch ein Vokabel, das praktisch nur von Experten verwendet wurde, ist sie mittlerweile in jeder umweltpolitischen Erklärung zu finden. Doch was steckt hinter dem Begriff der Biodiversität? Benötigt der Waldbesitzer Biodiversität in seinem Wald? Und am wichtigsten: Beeinträchtigt der Erhalt der Biodiversität die Waldbewirtschaftung?

Die Biodiversität beschreibt die Vielfalt. Ursprünglich wurde der Begriff nur auf die Artenanzahl angewandt, später wurde seine Bedeutung erweitert. Mittlerweile versteht man unter Biodiversität die Vielfalt von

  • Genen,
  • Arten
  • und Lebensräumen.

Der Begriff der Biodiversität hat sich unter anderem deshalb durchgesetzt, weil gestörte Ökosysteme einen Mangel an Vielfalt aufweisen. So sind die Populationen mancher Tierarten voneinander isoliert, wodurch die genetische Vielfalt gefährdet ist. In Wirtschaftswäldern fehlen einige Baumarten, wodurch die Artenvielfalt geringer ist als in Naturwäldern.

Naturnähe und Stabilität

Mit Biodiversität wird also ein gesunder Zustand der Natur gleichgesetzt. Dabei wird aber oft der Fehler gemacht, dass eine hohe Artenvielfalt stets als positiv angesehen wird. Dass dem nicht so ist, zeigt das folgende Beispiel: Buchenwälder sind relativ artenarm, da die konkurrenzstarke Buche keine anderen Baumarten hochkommen lässt. Auch die Bodenvegetation besteht nur aus wenigen krautigen Pflanzen und Moosen, da nur wenige Pflanzen in der Lage sind, mit der Beschattung der Buche zurechtzukommen. Rodet man nun ein Stück des Buchenwaldes und legt stattdessen ein Gemüsebeet an, so wird die Artenvielfalt stark zunehmen. Nicht nur mehr Pflanzenarten sind nun zu finden, auch die Vielfalt an Insekten, Vögeln und Säugetieren wird zunehmen. Dabei ist der Gemüsegarten aber im Unterschied zum Buchenwald ein künstlicher, vom Menschen geschaffener Lebensraum. Wenn die Artenvielfalt aber nicht zwangsläufig positiv ist, warum ist dann die Biodiversität so wichtig?

Ökosysteme sind hochkomplex: Viele der darin ablaufenden Vorgänge können noch nicht zur Gänze erklärt werden. Auch die Bedeutung vieler Arten ist noch unbekannt. Fest steht aber, dass natürliche Ökosysteme weitaus stabiler sind als künstliche. Vor allem in der Forstwirtschaft hat sich immer wieder gezeigt, dass standortsfremde, künstliche Monokulturen wesentlich instabiler sind als naturnahe Mischbestände.

Die Biodiversität orientiert sich also am natürlichen Zustand: Wie groß der Unterschied zwischen Naturwald und Wirtschaftswald ist, zeigt sich in der Vielfalt von Genen, Arten und Lebensräumen. Die Biodiversität ist daher kein Selbstzweck, vielmehr ist sie ein Maßstab für die Naturnähe.

Die Bewirtschaftung des Waldes verringert die Biodiversität. Das liegt im Wesen eines vom Menschen genutzten Ökosystems: Ein Wirtschaftswald, in dem Holz genutzt wird, entwickelt sich anders als ein Naturwald, in dem Bäume bis zu ihrem natürlichen Tod stehen bleiben und darüber hinaus noch als Totholz eine wichtige Ressource für viele Insekten und Pilze bilden. Doch nicht nur die Holznutzung, auch die Baumartenwahl verringert die Biodiversität. Pilze, Insekten, und Vögel sind an ganz bestimmte Baumarten angepasst. Entscheidet sich der Waldbesitzer bewusst, eine Baumart nicht zu fördern, da diese nicht wüchsig genug ist oder keinen guten Holzpreis erzielt, geht damit für einige Arten eine wichtige Ressource verloren.

Die Waldbewirtschaftung schränkt also zweifellos die Biodiversität ein. Mit einigen Maßnahmen können diese negativen Effekte aber minimiert werden. Die Motivation des Waldbesitzers für den Erhalt der Biodiversität liegt darin, dass naturnahe Wälder nicht nur stabiler gegenüber Störungen sind, sondern sich davon auch schneller wieder erholen.

Durch den naturnahen Waldbau sollen nicht nur ästehtische Ansprüche erfüllt werden, vielmehr steht die Nutzung natürlicher Prozesse im Mittelpunkt. Foto: BMNT/Marek

Kriterien und Maßnahmen

Wer nun feststellen will, wie es um die Biodiversität im eigenen Wald bestellt ist, kann sich an den folgenden Kriterien orientieren:

  • Sind alle Baumarten der potentiell natürlichen Waldgesellschaft vorhanden?
  • Kommen nichtheimische Pflanzen (Neophyta) vor und verdrängen diese heimischen Arten?
  • Ist genügend Totholz (ab 35 Festmeter pro Hektar) vorhanden?
  • Kommen in der Oberschicht alte Bäume vor, die noch Samen bilden und über große Kronen verfügen (Veteranenbäume)?
  • Ist Naturverjüngung vorhanden und kann sich diese auch erfolgreich etablieren?

Typische Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität sind etwa

  • Baumartenwahl, die sich an der potentiell natürlichen Vegetation orientiert
  • Förderung der Baumartenvielfalt durch Belassen von seltenen Arten wie Feldahorn, Speierling, Mehlbeere, Eibe
  • Erhöhung des Totholzanteils durch Belassen von einigen Bäumen pro Hektar mit schlechter Holzqualität
  • Belassen von 5 bis 10 vorherrschenden pro Hektar Bäumen mit großen Kronen
  • Belassen von Wohnräumen wie Ameisenhaufen oder Höhlenbäumen
  • Förderung und Nutzung der Naturverjüngung

Seltene Baumarten wie Eibe, Speierling, Eberesche oder Mehlbeere können – sofern überhaupt vorhanden – im Wald belassen werden, da sie aufgrund ihrer geringen Konkurrenzkraft keinen negativen Einfluss auf den restlichen Bestand ausüben, gleichzeitig aber mit ihren Blättern, Blüten und ihrem Holz einen Lebensraum für seltene Arten (speziell für Käfer und Schmetterlinge) darstellen. Der Waldbesitzer hat durch das Belassen seltener Baumarten und das Stehenlassen von Totholz die Möglichkeit, aktiv etwas für den Naturschutz zu tun, ohne dass ein wirtschaftlicher Mehraufwand damit verbunden ist. Selbstverständlich kann im bewirtschafteten Wald die Biodiversität nicht zur Gänze bewahrt werden. Das ist aber auch nicht Aufgabe des Waldbesitzers, sondern von Schutzgebieten.

Das Belassen von Totholz ist eine der wichtigsten Maßnahmen und Kennzeichen des naturnahen Waldbaus. Foto: Landpixel

Zusammengefasst kann gesagt werden, dass die naturnahe Waldwirtschaft für den Waldbesitzer zu empfehlen ist. Voraussetzung ist aber, dass die Waldbewirtschaftung dadurch erleichtert wird und sie kein Dogma darstellt. Bei starkem Schädlingsbefall kann auch ein Pestizideinsatz notwendig sein, ebenso wie bei dringendem Geldbedarf ein Kahlschlag. Trotzdem ist gerade in der Waldbewirtschaftung das Arbeiten mit der Natur und das Nutzen natürlicher Abläufe ratsam. Das entspricht auch dem Grundsatz der biologischen Automation: Natürliche Prozesse sollen vom Waldbesitzer gefördert und genutzt werden, um so wenig wie möglich in die natürliche Waldynamik eingreifen zu müssen und allfällige Pflegemaßnahmen gering zu halten. Dadurch fördert der Waldbesitzer Naturnähe und Stabilität und reduziert gleichzeitig die Kosten für Waldbau und Waldpflege.