Vorsicht bei der Ganzbaumnutzung

Die Ganzbaumnutzung darf nur an sehr produktiven Standorten durchgeführt werden.

Viele Forstleute sehen Krone und Äste lediglich als Abfallprodukt der Holzernte: die offizielle Bezeichnung als „Schlagabraum“ zeigt den geringen Stellenwert. Dabei sind in Blättern und Zweigen viele Nährstoffe gespeichert. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts schnitten Bauern grüne Äste ab und verfüttern sie als Zusatzfutter an das Vieh. Auch die Bodenstreu wurde vielerorts mit dem Rechen eingesammelt und auf den Äckern als Dünger ausgestreut. Für die Landwirtschaft war der Wald lange Zeit eine wichtige Nährstoffquelle, die Wälder selbst litten aber unter dem Nährstoffentzug. Kunstdünger und Forstgesetze sorgten in den kommenden Jahrzehnten dafür, dass diese bodenschädigende Praxis nicht mehr angewandt wurde. Vor einigen Jahren begann aber eine neue Ernteform, die manche Experten bereits mit der Streunutzung und ihren schädlichen Auswirkungen vergleichen: die Ganzbaumnutzung.

Nachhaltigkeit bewahren

Der Nährstoffkreislauf ist eines der wichtigsten Merkmale eines gesunden Waldes. Die im Boden gespeicherten Nährstoffe werden über die Wurzeln aufgenommen und dienen den Bäumen dazu Gewebe wie Blätter oder Holz aufzubauen. Dabei sind die Nährstoffe innerhalb eines Baumes unterschiedlich verteilt:  etwa die Hälfte findet sich in den Nadeln, Ästen und Zweigen. In der Rinde und im Holz sind die Anteile geringer. Daher spielt der Nährstoffentzug durch die Holzernte kaum eine Rolle, solange Krone und Äste im Wald verbleiben. Dort bilden sie die oberste Auflage des Waldbodens. Das Bodenleben zersetzt Äste und Blätter und setzt die Nährstoffe im Boden wieder frei: der Kreislauf ist geschlossen.

Die Ganzbaumnutzung, bei der nicht nur Stammholz sondern auch Blätter und Nadeln mitgenutzt werden, stört den Nährstoffkreislauf. In Einzelfällen kann diese Praxis durchaus gerechtfertigt sein. Droht nach einem Windwurf eine Massenvermehrung des Kupferstechers, so kann nicht darauf gewartet werden bis die Kronen ihre Nadeln abgeworfen haben, das gesamte Kronenmaterial muss schleunigst gehäckselt werden um  den potentiellen Brutraum zu vernichten.

In allen anderen Fällen muss aber auf die Ganzbaumnutzung verzichtet werden. Aus wirtschaftlicher Sicht macht die energetische Verwendung von Kronenmaterial wenig Sinn, denn der Brennwert von Blättern ist viel geringer als der von Holz. Die Preise für diese Form der Biomasse sind ebenfalls so gering, dass sie es nicht rechtfertigen. dass der Waldbesitzer eine Schädigung des Standortes in Kauf nimmt.

Wie schwer die Biomassenutzung wiegt, hängt vom Standort ab: auf nährstoffarmen Böden kann der negative Einfluss so groß sein, das kein Baumwachstum mehr möglich ist. Aber auch auf Böden mit guter Nährstoffversorgung verringern sich die Holzzuwächse. Eine Untersuchung der Universität für Bodenkultur beweist, dass bei konsequenter Entnahme von Reisig und Nadelmasse aus jungen Fichtenbeständen ein Zuwachsverlust von 10 % nach drei Jahren, von 20 % nach 20 Jahren entsteht. Holz ist aber das Produkt, mit dem der Waldbesitzer Geld verdient. Aus ökologischer und ökonomischer Sicht sollten daher nur die Nährstoffe genutzt werden, die sich im Stammholz befinden.