Fichtenschäden

Für standortsfremde Fichtenbestände gibt es keine Zukunft mehr. Foto: Gil Wojciech/bugwood.org

Von allen heimischen Baumarten zählt die Fichte die größte Anzahl von Schadorganismen, von denen alle bekannten Arten – unabhängig von ihrer aktuellen wirtschaftlichen Bedeutung – hier aufgelistet sind um aufzuzeigen, welche Risiken die Fichtenbewirtschaftung ausgesetzt ist. Auch wenn manche Arten derzeit noch keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen kann nicht ausgeschlossen werden das die Populationen anwachsen, insbesondere unter dem Szenario das durch den Klimawandel die Entwicklungsbedingungen für die meisten Schädlinge besser werden und die Fichte – vor allem auf ungeeigneten Standorten – gleichzeitig an Vitalität (Stichwort Trockenstreß) einbüßt.

Abiotische Schäden

Als wichtigster abiotischer Schaden ist zweifelsfrei der Wind zu nennen. Wind kann Bäume umwerfen oder dazu führen, das der Stamm bricht bzw. die Krone abbricht. Im Falle der Fichte ist Windwurf am häufigsten, aufgrund der flachen Wurzeln gehört die Fichte zu den windwurfgefährdesten Baumarten, Stammbruch oder Kronenbruch kommen dagegen seltener vor, können aber auch nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Ein Windwurf ist nicht gleichbedeutend mit dem Tod des Baumes, wenn Teile der Wurzeln noch mit dem Erdreich verbunden sind ist es durchaus möglich das der Baum weiterlebt. Natürlich ist er stark eingeschränkt in seiner Vitalität da nur noch ein Teil des Wurzelwerks funktionsfähig ist und die am Boden liegende Krone weniger Licht zur Verfügung hat, aber trotzdem können Fichten so über Jahre hinweg im wahrsten Sinne des Wortes weitervegetieren. Für den Waldbesitzer ist so ein Baum natürlich nicht mehr interessant, für gewöhnlich wird der Baum per Trennschnitt vom Wurzelwerk befreit und danach aus dem Wald abtransportiert. Sollten Holzfasern durch den Wurf beschädigt worden sein, so verliert der Baum stark an wirtschaftlichem Wert. Andere wirtschaftliche Einbußen entstehen dadurch, das der Baum nicht sein komplettes Wachstum ausschöpfen konnte, der Holzpreis geringer ist (vor allem wenn große Mengen an Holz geworfen wurden) und die Aufarbeitung durch einen Lohnunternehmer übernommen werden muss. Bei der Fichte kommt es in der Regel durch Windwurf zu einer Komplexkrankheit: die geworfenen und wenig vitalen  Bäume locken diverse Arten von Borkenkäfern an, die diese besiedeln, weshalb es bei Windwürfen notwendig ist das Holz rasch aus dem Wald abzutransportieren, neue Methoden sind unter anderem die luftdichte Verpackung von befallenem Holz.

Schnee- und Eisbruch kommen seltener vor als der Windwurf, unter anderem auch deshalb weil die Fichte als Gebirgsbaumart gegen solche Schäden relativ gut angepasst ist. So sind die Äste von Hochlagenfichten wesentlich kürzer, damit der Schnee möglichst keine Auflage findet. Am gefährlichsten ist Nassschnee, da dieser erheblich schwerer ist und somit zum Bruch von Teilen der Krone oder der gesamten Krone führen kann. Bäume, die durch Schnee oder Eis gebrochen wurden sind stark wirtschaftlich entwertet, die verbleibenden Reste sind nur noch als Industrieholz oder für energetische Zwecke verwendbar. Auch wenn nur ein Teilbereich der Krone geschädigt wurde muss solch eine Fichte aus dem Bestand ausscheiden, da sie über weniger Vitalität verfügt und es auch möglich ist, das einzelne Holzfasern beschädigt wurden und der Baum somit nicht mehr für die Sägewerke verwertbar ist.

Feuer spielten in Mitteleuropa lange Zeit nur eine untergeordnete Rolle, doch die Zunahme ihrer Häufigkeit und ihrer Intensität sind einer der ersten bemerkbaren Wirkungen des Klimawandels. Als häufigste Ursache gilt immer noch die Unachtsamkeit von Menschen und hier sind insbesondere Waldbesucher zu nennen. Es sind aber in den letzten Jahren nicht die Zahl der unachtsamen Waldbesucher angestiegen sondern das Risiko für Waldbrände ist gestiegen. Entscheidend für den Ausbruch eines Waldbrandes ist einerseits das Vorhandensein von brennbarem Substrat und gerade in Nadelwäldern gibt es davon reichlich: Nadeln und abgestorbene, dürre Äste sind leicht entzündlich. Nadelbäume enthalten weniger Wasser als Laubbäume und brennen daher leichter, außerdem enthalten viele Nadelbaumarten ätherische Öle und Harze, die das Feuer nochmals begünstigen. Im Gegensatz zu manchen Kiefernarten, die gut an Feuer angepasst sind, ist die Fichte unverträglich gegen über Feuer. So können Bodenfeuer, die Stamm und Krone unbeschadet lassen, die Wurzeln durch die Hitze abtöten, auch die im Boden liegenden Samen können durch die große Hitze abgetötet werden.

Dürreschäden werden durch den Klimawandel ebenfalls vermehrt auftreten, sie sind aber schon lange bekannt. Die Fichte reagiert auf Dürre durch reduziertes Wachstum, sowohl das Höhenwachstum der nächsten Jahre (und nicht nur des aktuellen) als auch an den Jahrringbreiten sind sichtbare Merkmale für den Streß. Dürrestreß entsteht dann, wenn in einem Monat weniger als 40 mm Niederschlag fällt. Dürre kann auch zum gänzlichen Absterben von Fichten führen, entweder durch den Wassermangel selbst oder durch Schadinsekten, welche die angeschlagenen Fichten befallen. Interessanterweise leiden Fichten besonders in Mischbeständen an Dürre. In Buchen-Fichtenmischwäldern erreichen zuerst die Buchen (dank ihres tiefergehendes Wurzelsystems) das Bodenwasser, so dass für die Fichte kaum ausreichend Wasser übrig bleibt. Daraus ergibt sich, das die Fichte in dürregefährdeten Gebieten nicht als Mischbaumart taugt.

Merke: In Gebieten, die von Dürre bedroht sind, also einen Jahresniederschlag von weniger als 500 mm haben und in den Sommermonaten weniger als 40 mm pro Monat Niederschlag fällt, taugen nicht als Anwuchsgebiet für die Fichte.

Starke Hitze tötet vor allem Keimlinge und Jungpflanzen ab, ab einer Lufttemperatur von 54 ° Grad sterben Fichtenkeimlinge ab. Es ist dabei hervorzuheben, dass diese Temperaturen unmittelbar an der Bodenoberfläche auf Kahlschlägen bereits an sonnigen Tagen mit mehr als 35 ° Grad erreicht werden können. Zum Rindenbrand kommt es, wenn Fichten, die bisher kaum oder nur wenig Sonnenstrahlung auf der Rinde ertragen mussten, plötzlich stark freigestellt werden. Das ist vor allem bei Kahlschlägen der Fall, kann aber auch ein Folgeeffekt von Windwürfen sein. Fichten mit Rindenbrand müssen unbedingt stehen gelassen werden, den werden diese entfernt setzt sich der Rindenbrand nur weiter im Bestandesinneren fort.

Gegenüber Frost zeigt sich die Fichte sehr tolerant, es sind keine Fälle von Kältetod in der Literatur bekannt, in Sibirien überstehen Fichtenbestände Temperaturen von bis zu 60 ° Grad unter Null. Dafür die die Fichte sehr empfindlich gegenüber Spätfrost, also Temperaturen unter Null in den Frühlingsmonaten (Mai), es kann dabei zum Ausfall von Jungpflanzen kommen.

Ergänzend sei noch erwähnt, das Fichten wenig tolerant gegenüber Überschwemmungen sind, nach etwa 14 Tagen unter Wasser sterben die Wurzeln ab. Blitzschlag kommt bei der Fichte nicht häufiger vor als bei anderen Baumarten, auch wenn der Baum den Blitzschlag übersteht ist das Holz entwertet, die elektrischen Entladungen führen zu starken Rissen im Holzkörper.

Biotische Schäden

Die Fichte ist einer Vielzahl von potentiellen Schädlingen ausgesetzt, wobei die Mehrzahl zu den Pilzen und Insekten gehört. Viren, Bakterien oder pflanzliche Parasiten spielen hingegen keine Rolle. Ebenso vielfältig wie die Schädlinge sind die Orte, an die geschädigt werden können: Angefangen von den Samen über das Wurzelwerk bis hin zu den Leitungsbahnen und den Nadeln können das Opfer von Insekten und Pilzen werden. Im Folgenden soll ein Überblick über die verschiedenen Organismen gegeben werden, die in der Literatur als potentielle Schädlinge an der Fichte genannt werden. Auf die (derzeit) wirtschaftlich bedeutendsten Schädlinge und deren Auswirkungen wird etwas genauer eingegangen.

Klasse Lat. Bezeichnung Schäden an
Pilze Pucciniastrum areolatum Samen
Chrysomysa pirolata Samen
Alternatira sp. Samen
Aspergillus sp. Samen
Fusarium sp. Samen
Mucor sp. Samen
Sclerotinia fucheliana Keimling, Jungpflanzen
Botrytis cinerea Keimling, Jungpflanzen
Pestalotia hartigii Keimling, Jungpflanzen
Rosellinia herpotrichoides Keimling, Jungpflanzen
Thelephora terrestris Keimling, Jungpflanzen
Gemmamyces piceae Knospen, Nadeln, Triebe
Megaloseptoria mirabilis Knospen, Nadeln, Triebe
Lophodermium macrosporum Knospen, Nadeln, Triebe
Lophodermium picaea Knospen, Nadeln, Triebe
Rhizosphaera kalkhoffii Knospen, Nadeln, Triebe
Herpotrichia juniperi Knospen, Nadeln, Triebe
Lophophacidium hyperboreum Knospen, Nadeln, Triebe
Chrysomxya ledi Knospen, Nadeln, Triebe
Chrysomxya rhododendri Knospen, Nadeln, Triebe
Chrysomyxa abietis Knospen, Nadeln, Triebe
Chrysomxya woroninii Knospen, Nadeln, Triebe
Gremmeniella abietina Knospen, Nadeln, Triebe
Sirococcus strobilinus Knospen, Nadeln, Triebe
Nectria fuckeliana Rindenkrankheiten
Valsa kunzei Rindenkrankheiten
Lachnellula calyciformis Rindenkrankheiten
Rhizina undulata Wurzelkrankheiten
Armillaria mellea Wurzelkrankheiten
Heterobasidion annosum Stammfäule
Stereum sanguionlentum Stammfäule
Amylostereum areolatum Stammfäule
Resinicum biocolor Stammfäule
Cylindrobasidium evolenvens Stammfäule
Coniphora puteana Stammfäule
Serpula himantoides Stammfäule
Tyromyces stipticus Stammfäule
Climacocystis borealis Stammfäule
Bierkandera adusta Stammfäule
Phaelous schweinitzii Stammfäule
Omnia leporina Stammfäule
Fomitopsis pinicola Stammfäule
Phellinus chrysoloma Stammfäule
Pholiota squarrosa Stammfäule
Panellus mitis Stammfäule
Insekten Laspeyresia strobilella Zapfen und Samen
Dioryctria abietella Zapfen und Samen
Lasiomma anthracina Zapfen und Samen
Otiorrhynchus niger Kulturen, Jungpflanzen
Hylastes cunicularius Kulturen, Jungpflanzen
Hylobius abieties Kulturen, Jungpflanzen
Liosomaphis abietinum Kulturen, Jungpflanzen
Lymantria monacha Nadeln
Orgyia recens Nadeln
Epinotia tedella Nadeln
Zeiraphera diniana Nadeln
Zeiraphera reatzeburgiana Nadeln
Cephalcia abietis Nadeln
Pristiphora abietina Nadeln
Pachynematus sp. Nadeln
Laspeyresia pactolana Rinde
Dioryctria splendidella Rinde
Tetropium sp. Rinde
Monochamus sp. Rinde
Pissodes sp. Rinde
Ips typographus Rinde
Ips amitinus Rinde
Pityogenes chalcographus Rinde
Dendroctonnus micans Rinde
Polygraphus poligraphus Rinde
Trypodendron lineatum Rinde
Ghathotrichus materiarius Rinde
Hylecoetus sp. Rinde
Urocerus sp. Rinde
Camponotus sp. Rinde
Säugetiere Apodemus sylvaticus Samen
Apodemus flavicollis Samen
Clethrionomys glareolus Samen
Sciurus vulgaris Samen
Siebenschläfer Samen
Capreolus capreolus Wildschäden
Cervus elaphus Wildschäden
Rupicapra rupicapra Wildschäden
Ovis gmelini Wildschäden
Alces Alces Wildschäden
Dama dama Wildschäden
Die Nonne ist einer der gefährlichsten Forstschädlinge.
Großer Brauner Rüsselkäfer. Foto: Gyorgy Csoka/bugwood.org
Buchdrucker. Foto: Gyorgy Coska/bugwood.org

Angesichts ihrer Länge werden wohl die meisten Leser diese Liste irgendwann nur noch überfolgen haben. Ihr Zweck liegt auch nicht darin die Leserschaft mit lateinischen Bezeichnungen zu quälen, sondern einen groben Überblick über potentielle Schädlinge der Fichte zu liefern. Korrekterweise muss dazu gesagt werden, dass viele der genannten Arten als Fichtenschädlinge klassifiziert werden, ihre wirtschaftliche Bedeutung aber gering ist. Auch andere Baumarten, insbesondere die Trauben- und Stieleiche sowie die Waldkiefer haben eine lange Liste von potentiellen Schädlingen. Im Gegensatz zur Fichte werden diese Baumarten aber für gewöhnlich nur in geeigneten Anbaugebieten kultiviert. Zudem gibt es schon eine Reihe von biotischen und abiotischen Schäden, mit denen die Fichte zu kämpfen hat. Auch mit den schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels ist nicht zu erwarten, dass plötzlich eine Massenvermehrung aller oben genannten Arten eintreten wird. Es würde aber reichen, wenn nur ein paar der zahlreichen Fichtenschädlinge Massenvermehrungen ausbilden und sich zu Fichtenblattwespe, großen braunen Rüsselkäfer, Buchdrucker, Nonne, Kupferstecher und Hallimasch gesellen, um die Fichtenbewirtschaftung endgültig unmöglich zu machen.