Lexikon der Waldbewohner: Grosskäfer

Sie leben im Verborgenen, im faulenden Holz, unter Borken. Viele von ihnen sind nachtaktiv. Und ihr Lebensraum ist akut bedroht.

 Text und Titelbild: Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von

Martin Bolliger, Naturama Aargau

Holz bewohnende Grosskäfer sind keine einheitliche Käfergruppe. Es sind dies hier ziemlich willkürlich zusammengewürfelte grosse Käfer, darunter unter anderem Bockkäfer, Hirschkäfer (Schröter, weil die Larven das Holz schröten) und Rosenkäfer. Gemeinsam ist ihnen neben ihrer Grösse die Abhängigkeit von Holz, oft Totholz oder absterbendes Holz (sogenannte Xylobionten) in dem ihre Larven oft viele Jahre verbringen. Obwohl viele dieser Käferarten spektakulär gross sind, haben selbst naturinteressierte Personen sie noch kaum je zu Gesicht bekommen. Dies hängt neben der generellen Seltenheit der Arten an ihrer Lebensweise. Sie sind oft dämmerungsaktiv und verbringen den Tag gut verborgen in einem Versteck.

Zu wenig dicke und alte Bäume!  

Man könnte meinen, die Naturschutzmassnahmen, die zur Zeit im Wald getroffen werden, würden automatisch auch für die holzbewohnenden Käfer ausreichen. Dies ist jedoch meist nicht der Fall. Oft fehlen in unseren Waldungen die richtigen dicken und alten Baumarten in genügender Anzahl, und wenn sie noch vorhanden sind, so fehlt oft die notwendige Besonnung der Stämme, da viele Arten wärmeliebend sind. Für diese Arten ist unser Wald meist zu dunkel. Ausserdem sind die Käfer vielfach lokal schon ausgestorben, da ihnen die Bedingungen nicht mehr zusagten, und ihre ehemaligen Biotope sind somit heute «verwaist». Für den Förster ist ein «Käferbaum » in der Regel ein von Borkenkäfern befallener Nadelbaum und ein wirtschaftlicher Schaden. Deshalb ist dieser Begriff heute vielerorts negativ belegt. «Käferbaum » kann für den Naturfreund jedoch auch noch eine ganz andere und freudige Bedeutung haben…

Biotopholz ist ein sich verändernder Lebensraum: Je nach Zersetzungsgrad besiedeln ihn verschiedene Käferarten.

Die «richtige» Baumart ist entscheidend

Viele Käferarten brauchen ganz bestimmte Baumarten von bestimmter Qualität und bestimmte lokalklimatische Bedingungen. Von besonderer Bedeutung sind hier Eichen, Weiden, Pappeln, Linden, Obstbäume und bei den Nadelhölzern die Waldföhre für die Riesen unter den Käfern. An der Eiche leben Hunderte von Tierarten. Darunter sind auch viele holzbewohnende Käferarten. So kommen an der Stiel- und der Traubeneiche der Hirschkäfer, der grosse Eichenheldbock, der kleine Eichenbock oder Spiessbock, der Sägebock und der Balkenschröter vor, um nur einige zu nennen – alles prächtige und für Käfer geradezu riesenhafte Brummer. Eine altehat immer auch Totholzstrukturen und viele Nischen in der groben Borke. Eiche hat immer auch Totholzstrukturen und viele Nischen in der groben Borke.

Käferschutz konkret

 Alte Bäume sind unersetzbar! Sie sollten nach Möglichkeit bis zum Zerfall stehen bleiben. Jede Abbauphase hat ihre Käferspezialisten. Besonders wertvolle Arten wie z.B. Eichen mit Käfervorkommen sollten zudem freigestellt werden, damit sie genügend Licht und Wärme bekommen. Heruntergefallene Äste oder umgekippte Stämme sollten vor Ort belassen oder in Stammnähe aufgeschichtet werden. «Sturmopfer» in hohem Alter und mit besonderen Käfervorkommen sollten nach Möglichkeit nicht zu Hackschnitzel verarbeitet werden, sondern möglichst in der Nähe in einem sonnigen (idealerweise gestuften) Waldrand aufgeschichtet werden. Dies gilt insbesondere für die Stammteile. Ein Spezialfall sind Baumhöhlen mit Mulm. Dieser Mulm ist nichts anderes als von Tieren, Bakterien, Pilzen usw. abgebaute Holzsubstanz, die locker und erdartig im Stamm vorhanden ist. Unter den Käfern gibt es viele Mulmspezialisten, die auf dessen Vorhandensein angewiesen sind. Baumstrünke mit Käfervorkommen sind sehr wertvolle Strukturen im Lebensraummosaik von Käfern. Auch der Hirschkäfer kann hier angetroffen werden. Wichtig sind auch hier die ausreichende Besonnung und das Vorhandensein von weissfaulem Holz. Bei notwendigen Fällarbeiten von wertvollen Käferbäumen können diese auch hoch (z.B. 2 bis 3 Meter) über Boden abgeschnitten werden. Der Stamm kann somit wenigstens zum Teil als Käferhabitat weiterdienen. Für diese Fällarbeit braucht es jedoch wegen der Unfallgefahr ausgebildete Fachleute!

Der Nashornkäfer kommt auch in Mitteleuropa vor: er benötigt Mulch um sich richtig wohl zu fühlen.

Aktiv werden für unsere Käfer

Begegnungen mit unseren grössten Käfern haben einen Hauch von Märchen. Diese archaisch anmutenden, zauberhaften Wesen scheinen aus einer anderen, längst vergangenen Welt zu stammen. Sie eignen sich auch als mögliche Flagschiffarten des Naturschutzes für den Lebensraum lichter, totholzreicher Wald. Von der Förderung dieses Lebensraumes profitieren noch viele weitere oft unspektakulärere Arten. Die Silhouette des Hirschkäfers ist unverwechselbar, und fast jedes Kind kennt sie noch – eine Chance, die man nutzen sollte. Das Vorkommen der Arten und ihre Verbreitung bei uns ist sehr schlecht bekannt. Es sind also noch viele spannende Begegnungen und Entdeckungen möglich! Eine gute Taschenlampe, Geduld und viel Spürsinn sind allerdings empfehlenswert. Viele Arten sind wärmeliebend und dürften von der laufenden Klimaerwärmung eher profitieren. Damit diese Tiere aber eine Chance haben, braucht es Leute, die sich für sie einsetzen.

Der Alpenbock ist ein Blickfang, er besiedelt abgestorbene Buchen.