Schluss mit der Niederdurchforstung

Die Entnahme der schwächsten Bäume soll den Bestand pflegen. Dieser Eingriff eignet sich aber nicht zur Konkurrenzregulierung. In manchen Fällen kann er sogar schädlich für die Holzqualität sein.

Der Zweck einer Durchforstung ist es, das Holzwachstum, das der Standort zulässt, auf die besten Bäume zu konzentrieren. Diese sollen dicke Stämme mit guter Holzqualität bilden. Die stärksten Bäume sind aber jene, die ohnehin in der Kronenschicht vorherrschend sind. Sie werden zwar bedrängt von anderen Bäumen, wirklich Konkurrenz bekommen sie aber nur von mitherrschenden Bestandesmitgliedern. Komplett unterdrückte und beherrschte Bäume, also solche, die bei der Niederdurchforstung gefällt werden, dringen aber gar nicht in den Kronenbereich der vorherrschenden Bäume ein. Durch die Entnahme der schwächsten Bestandesmitglieder werden also nicht die stärksten Stämme gefördert. Worin liegen aber dann die Gründe für die Niederdurchforstung?

  • Ertragstafeln geben Auskunft geben über Zuwachs und Vorrat im gleichförmigen Altersklassenwald. Die meisten Ertragstafeln entstanden ursprünglich aus den Daten von Beständen mit Niederdurchforstung. Um die Ertragstafeln anwenden zu können, wurde deshalb vor allem in Deutschland die Niederdurchforstung durchgeführt.
  • Ein Bestand mit vielen Bäumen in der Unterschicht ist ein Hinweis dafür, dass es keine Jungwuchspflege und keine Erstdurchforstung gab. Um diesen waldbaulichen Fehler zu begleichen wurde in vielen Forstbetrieben aber auch bei privaten Waldbesitzern quasi aus einem schlechten Gewissen heraus die Niederdurchforstung durchgeführt – auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt keinen waldbaulichen Effekt mehr auf den Bestand hat.
  • Ein weiterer Grund ist die sogenannte Waldhygiene: Lange Zeit herrschte Unsicherheit bei Landwirten darüber, ob absterbende bzw. tote Bäume nicht das Substrat für diverse Schadinsekten sein könnten. Von bereits gänzlich abgestorbenen Bäumen geht gar keine Gefahr aus: auch wenn diese von einer Reihe von Pilzen und Käfern besiedelt werden, ist das für den restlichen Bestand unerheblich, da diese Arten auf Totholz spezialisiert sind. Ein Problem können allerdings Fichtenborkenkäfer wie Buchdrucker und Kupferstecher darstellen, da diese kränkelnde Bäume besiedeln. Das trifft aber nur auf standortsfremde Fichtenmonokulturen zu, die ein hohes Schädlingspotential mit sich bringen. In solchen Beständen ist aber ein laufendes Monitoring mittels Fangbäumen und Pheromonfallen zielführender und vor allem kostengünstiger als die Niederdurchforstung.

Verlorenes Potential

Schattbaumarten wie Buche, Tanne aber auch die Fichte (an optimalen Standorten) haben die Fähigkeit über Jahre hinweg im Schatten der Oberschicht auf ihre Chance zu warten. Fällt ein vorherrschender Baum aus der Oberschicht aus, so nimmt einer aus der Unterschicht seinen Platz ein. Erkennbar sind solche Wachstumsschübe am Lichtungszuwachs: an der Stammscheibe solcher Bäume folgen auf viele enge Jahrringe plötzlich sehr große und zeigen den Zeitpunkt ab dem der Baum das neue Potential an Wasser und Nährstoffen zu nutzen begann.

Nicht jeder unterständige Baum kann tatsächlich in die Oberschicht aufsteigen. Für den Waldbesitzer ist es aber wichtig zu unterscheiden ob es sich um einen Kümmerling handelt, der bald absterben wird oder um einen möglichen Aufsteiger in Warteposition. Erkennbar ist das vor allem am Kronenzustand: sind die Triebe der letzten Jahre voll benadelt, handelt es sich um einen gesunden Baum. Sind die Trieblängen hingegen kurz und nur schwach benadelt, dann wird dieser Baum bald absterben.

Ein weiterer Grund, der gegen die Niederdurchforstung spricht, ist der Schatten, den die Unterschicht auf den Boden wirft. Keimlinge und junge Bäume tolerieren diese Beschattung. Bei einer zu starken Niederdurchforstung, fällt plötzlich viel Licht auf den Waldboden, wovon die Konkurrenzvegetation aus Gräsern und Kräutern profitiert.

Gerade in strukturreichen Beständen macht die Niederdurchforstunge keinen Sinn, da die stärksten Bäume von den schwächsten nicht bedrängt werden.

Wenn Pflege schädigt

In Laubbeständen verbietet sich die Niederdurchforstung ohnehin. Denn die „unterdrückten“ Bäume bilden den Nebenbestand, der eine wichtige Rolle mit sich bringt: er beschattet die Stämme der vorherrschenden Bäume und verhindert, dass sich neue Äste bilden. Das häufigste Beispiel sind Eichen-Hainbuchenbestände, in denen die Eichen Wertholz produzieren und die Hainbuchen, die Stämme der Eichen beschatten. Entfernt man die Hainbuchen, bilden sich rasch neue Äste und vermindern wesentlich die Holzqualität. Durch die plötzliche Freistellung kann es auch zu Schäden durch Sonnenbrand kommen.

Aus heutiger Sicht macht die Niederdurchforstung keinen Sinn mehr. Unterdrückte Bäume sind keine Konkurrenten und die anfallenden Holzmengen lassen kaum einen positiven Deckungsbeitrag  zu. In Fichtenmonokulturen kann zwar so das Risiko eines Borkenkäferbefalls verringert werden, die Niederdurchforstung dient aber eigentlich der Bestandeserziehung und nicht dem Forstschutz. Deshalb es sinnvoller ist, diverse Forstschutzpraktiken anzuwenden anstatt jeden schwachen Baum in einer Fichtenmonokultur zu fällen.