Fichte: Hilft die Genetik?

Wenig bekannt ist das der Fachbereich der Forstgenetik schon seit den ersten Anfängen der Forstwissenschaft existiert. Aktuell wird unter anderem  an produktiverem Fichtensaatgut geforscht.

Die Forstgenetik betreibt aber vorwiegend nichtinvasive Techniken und es wird das Erbgut nicht direkt manipuliert. Hauptaufgabe der Forstgenetik ist die Züchtung produktiverer Sorten sowie diverse Herkunftsversuche. Im Gegensatz zu einjährigen Nutzpflanzen müssen Bäume Jahrzehnte bis Jahrhunderte auf einem Standort überstehen und sind in dieser Zeit einer Unzahl an Wetterextremen und Angriffen von Insekten, Wildtieren oder Schaderregern ausgesetzt. Um diesen negativen Einflüssen zu trotzen, besitzen sie eine höhere genetische Vielfalt als die meisten anderen Pflanzen und zudem einige der größten Genome (die Gesamtheit des genetischen Codes eines Baumes) aller Organismen. Zum Beispiel ist das Genom der Fichte etwa sechsmal so groß wie das des Menschen. Die genetische Vielfalt ist unbedingt notwendig um das Überleben unserer Baumbestände unter veränderlichen Umweltbedingungen zu sichern. Einzig die genetische Vielfalt ermöglicht langfristig eine evolutionäre Anpassung.

Eines der wichtigsten Ziele der Forstgenetik ist die Zucht von besser angepasstem Saatgut.

Waldbäume haben im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte Mechanismen entwickelt, die eine Verbreitung ihrer Gene und deren Durchmischung sicherstellen. Dazu gehören die effektive Verbreitung des Pollens durch Wind oder Insekten, und die Produktion von abertausenden Samen, die dann wiederum durch Wind oder Tiere über große Distanzen transportiert werden. Gleichzeitig sind Bäume einer sehr starken natürlichen Auslese unterworfen: während sich in einer natürlichen Verjüngung über 100.000 Sämlinge pro Hektar drängeln, schaffen es nur wenige hundert Bäume bis ins Erwachsenenalter. Die permanente Konkurrenz um Licht und Nährstoffe, Fraßfeinde oder der Stress durch Klimaextreme lassen nur die am besten angepassten Individuen durchkommen.

Ihren Ausgangspunkt hatte die forstgenetische Forschung in Herkunftsversuchen, in denen bereits Ende des 19. Jahrhunderts gezeigt werden konnte, dass es zahlreiche Unterschiede, z.B. in Wuchsleistung oder Resistenz zwischen Samenherkünften der gleichen Art gibt. Daraus konnten Anbauempfehlungen und klare Regeln für den Umgang mit Saat- und Pflanzgut abgeleitet werden. Heute gibt es auf nationaler, europäischer und OECD-Ebene gesetzliche Richtlinien für die Ernte und den Handel mit forstlichem Vermehrungsgut. Zudem existieren auf nationaler und regionaler Ebene Empfehlungen für die Auswahl der richtigen Herkunft.

Eine Reihe von forstlichen Institutionen haben Projekte ins Leben gerufen mit dem Ziel, hochproduktives  Pflanzenmaterial zu erzeugen. Die Projektverantwortlichen gehen davon aus, dass sich die Anbaugebiete der Fichte in Zukunft verkleinern werden und somit auch die Holzproduktion. Um den Verlust des Rohstoffes Holz zu verkleinern soll daher der Ertrag auf der verbliebenen potentiellen Anbaufläche maximiert werden.

Ein Problem des Projekts ist der Faktor Zeit: in etwa 10 Jahren sollen die ersten Samenplantagen etabliert werden. Auch wenn diese sofort vermehrungsfähiges Saatgut liefern und die ersten Bestände begründet werden können, so ist im besten Fall in etwa 50 Jahren mit dem ersten Holz aus solchen Beständen zu rechnen. 50 Jahre sind in der Forstwirtschaft zwar leidglich eine halbe Umtriebszeit, für die Holzindustrie und die Waldbesitzer sind 50 Jahre aber ein generationsübergreifender Zeitraum. Es scheint zweifelhaft, ob die Vertreter beider Lager so viel Geduld aufbringen werden oder sich in der Zwischenzeit nicht auf eine Waldwirtschaft eingestellt haben, in der die Fichte eine weitaus geringere Rolle spielt als wir sie heute kennen.

Kein Produkt aus dem Genetiklabor: Diese Fichte stammt aus einem Urwald.